Äähh Ääähhhh (Sie wissen schon: Husten!)
Valentin (11) hat Husten und bellt wie ein polnischer Straßenköter.
Ich suche in dem hervorragend gefüllten, aber leider etwas unübersichtlichen Sammelsurium namens Medizinschränkchen nach Hustensaft.
In einem gut sortierten Haushalt hängt das Schränkchen wie vorgeschrieben im Bad – unerreichbar hoch für Kinder.
Bei uns liegt der Arnzeikasten in einem Regal im Abstellraum.
Trotz auf Augenhöhe ist es für Kinder unzugänglich, denn dort geht aufgrund des herrschenden Chaos garantiert freiwillig kein Kind rein. Denn merke: Kinder gehen immer dort hin, wo gerade aufgeräumt wurde, um die neue Ordnung schwupps in infernalische Zustände zu verwandeln.
Weil ich nicht komplett bekloppt bin, mache ich mir dieses kindliche Handlungsmuster natürlich zunutze und räume nur jene Räume akribisch genau auf, in denen ich die drei Kinder, die mich mehrmals am Tag mit ihren großen, gierigen Augen anschauen, sehen will: Ihre Kinderzimmer.
Kürzlich hat mich irgendwer, dessen Name ich mir auch gar nicht merken will, darauf hingewiesen, dass mein System Lücken hat. Ein Schwachsinn – wie ich meine! Die einzige Lücke, die bei genauester Betrachtung in meinem System zu erkennen wäre, ist jene, dass die Kinder nicht in einem Internat sind. Aber das ist zu teuer. Haha.
Ich finde vier verschiedene Hustensäfte– nur leider sind alle leer. WER ZUM TEUFEL SÄUFT HIER STÄNDIG HUSTENSAFTFLASCHEN AUS UND GIBT DIE LEEREN ZURÜCK??
Weil die Terrassentür offen ist und ich bei den Nachbarn nicht als zänkische Alte im Gespräch sein will, halte ich die Klappe und zertrete einen Handbesen.
Valentin mag seinen Husten sehr, denn so ein Gekeuche und Gebelle garantiert maximale Aufmerksamkeit. Wenn er hustet, formt er seinen Mund zu einem Rohr, läuft rot an, windet sich nach vorne und hinten, springt im Takt zu „Ähäää, Ähää, Ähäää“ und inszeniert einen beeindruckenden Kampf um Leben und Tod.
Das macht er natürlich auch in der Schule. Seine Lehrerin hat mir heute ins Elternheft geschrieben, ich solle mit ihm zum Arzt gehen. Sie hat tatsächlich reingeschrieben: „Gehen Sie doch mit Valentin zum Arzt!“. Wie sich das anhört!?
Ich komme mir schlecht vor. Sehr sehr schlecht. Und ich beschließe, die Lehrerin nicht zu mögen. War mir schon beim vergangenen Elternsprechtag unsympathisch. Irgendwie hölzern, die Gute. Hatte die Ausstrahlung eines Brotmessers. Möchte ich – wäre ich ein Mann – wirklich nicht als Frau haben. Als Geliebte schon gar nicht. Aber ich sehe schon, ich verliere mich in Details.
Ich schlage ihm vor, Salzwasser zu inhalieren.
„Nein, das mach ich sicher nicht!“, kreischt er (übrigens sein Standard-Satz seit vier Wochen!).
„Okay, dann nicht“, gebe ich mich verdächtig desinteressiert, was ihn natürlich verunsichert. Einer meiner Lieblingstricks, zieht fast immer. Man muss den Gegner, also das Kind, verunsichern - damit Zeit gewinnen in der man sich schnell neue Strategien überlegen kann - und die dann sofort gezielt einsetzen.
„Okay, dann nicht“, sage ich noch ein Spur desinteressierter, also fast scheintot, und drehe, um mein Nicht-Interesse an seiner Gesundung zu unterstreichen, den Wasserhahn ab.
Der Schachzug greift, Valentin steht unschlüssig in der Küchentür und denkt angestrengt nach. Wenn er denkt, hustet er nicht. Ist der Umkehrschluss zulässig, dass Husten der Ausdruck von Nicht-Denken ist? Ich sehe schon, ich drifte ab.
„Es liegt an dir zu entscheiden, ob du krank oder gesund sein willst“, beginne ich meinen Monolog, der pädagogisch wie strategisch auf tönernen Beinen steht. „Ich kann dich nicht zwingen, gesund zu werden. Und ich werde dich auch nicht zwingen.“
Schweigen.
Valentin verfolgt meine Bewegung wie ein Karnickel das Zucken einer Klapperschlange. Ein gutes Zeichen! Ich kann im Gesicht meines Sohnes lesen wie im Kaffeesud, mittels dem ich wöchentlich meine Lottozahlen eruiere.
Und um Ihre Frage zu beantworten: WÜRDE ICH DANN HIER SITZEN UND IN DEN LAPTOP HACKEN?
Oder würde ich in Miami am Pool hängen, in jeder Hand einen Longdrink und Tom Selleck würde mir (natürlich mit seiner deutschen Synchronstimme, denn so weit ist es mit meinen Englischkenntnissen auch wieder nicht her) Max Goldt kapitelweise vorlesen?
Ich suche in dem hervorragend gefüllten, aber leider etwas unübersichtlichen Sammelsurium namens Medizinschränkchen nach Hustensaft.
In einem gut sortierten Haushalt hängt das Schränkchen wie vorgeschrieben im Bad – unerreichbar hoch für Kinder.
Bei uns liegt der Arnzeikasten in einem Regal im Abstellraum.
Trotz auf Augenhöhe ist es für Kinder unzugänglich, denn dort geht aufgrund des herrschenden Chaos garantiert freiwillig kein Kind rein. Denn merke: Kinder gehen immer dort hin, wo gerade aufgeräumt wurde, um die neue Ordnung schwupps in infernalische Zustände zu verwandeln.
Weil ich nicht komplett bekloppt bin, mache ich mir dieses kindliche Handlungsmuster natürlich zunutze und räume nur jene Räume akribisch genau auf, in denen ich die drei Kinder, die mich mehrmals am Tag mit ihren großen, gierigen Augen anschauen, sehen will: Ihre Kinderzimmer.
Kürzlich hat mich irgendwer, dessen Name ich mir auch gar nicht merken will, darauf hingewiesen, dass mein System Lücken hat. Ein Schwachsinn – wie ich meine! Die einzige Lücke, die bei genauester Betrachtung in meinem System zu erkennen wäre, ist jene, dass die Kinder nicht in einem Internat sind. Aber das ist zu teuer. Haha.
Ich finde vier verschiedene Hustensäfte– nur leider sind alle leer. WER ZUM TEUFEL SÄUFT HIER STÄNDIG HUSTENSAFTFLASCHEN AUS UND GIBT DIE LEEREN ZURÜCK??
Weil die Terrassentür offen ist und ich bei den Nachbarn nicht als zänkische Alte im Gespräch sein will, halte ich die Klappe und zertrete einen Handbesen.
Valentin mag seinen Husten sehr, denn so ein Gekeuche und Gebelle garantiert maximale Aufmerksamkeit. Wenn er hustet, formt er seinen Mund zu einem Rohr, läuft rot an, windet sich nach vorne und hinten, springt im Takt zu „Ähäää, Ähää, Ähäää“ und inszeniert einen beeindruckenden Kampf um Leben und Tod.
Das macht er natürlich auch in der Schule. Seine Lehrerin hat mir heute ins Elternheft geschrieben, ich solle mit ihm zum Arzt gehen. Sie hat tatsächlich reingeschrieben: „Gehen Sie doch mit Valentin zum Arzt!“. Wie sich das anhört!?
Ich komme mir schlecht vor. Sehr sehr schlecht. Und ich beschließe, die Lehrerin nicht zu mögen. War mir schon beim vergangenen Elternsprechtag unsympathisch. Irgendwie hölzern, die Gute. Hatte die Ausstrahlung eines Brotmessers. Möchte ich – wäre ich ein Mann – wirklich nicht als Frau haben. Als Geliebte schon gar nicht. Aber ich sehe schon, ich verliere mich in Details.
Ich schlage ihm vor, Salzwasser zu inhalieren.
„Nein, das mach ich sicher nicht!“, kreischt er (übrigens sein Standard-Satz seit vier Wochen!).
„Okay, dann nicht“, gebe ich mich verdächtig desinteressiert, was ihn natürlich verunsichert. Einer meiner Lieblingstricks, zieht fast immer. Man muss den Gegner, also das Kind, verunsichern - damit Zeit gewinnen in der man sich schnell neue Strategien überlegen kann - und die dann sofort gezielt einsetzen.
„Okay, dann nicht“, sage ich noch ein Spur desinteressierter, also fast scheintot, und drehe, um mein Nicht-Interesse an seiner Gesundung zu unterstreichen, den Wasserhahn ab.
Der Schachzug greift, Valentin steht unschlüssig in der Küchentür und denkt angestrengt nach. Wenn er denkt, hustet er nicht. Ist der Umkehrschluss zulässig, dass Husten der Ausdruck von Nicht-Denken ist? Ich sehe schon, ich drifte ab.
„Es liegt an dir zu entscheiden, ob du krank oder gesund sein willst“, beginne ich meinen Monolog, der pädagogisch wie strategisch auf tönernen Beinen steht. „Ich kann dich nicht zwingen, gesund zu werden. Und ich werde dich auch nicht zwingen.“
Schweigen.
Valentin verfolgt meine Bewegung wie ein Karnickel das Zucken einer Klapperschlange. Ein gutes Zeichen! Ich kann im Gesicht meines Sohnes lesen wie im Kaffeesud, mittels dem ich wöchentlich meine Lottozahlen eruiere.
Und um Ihre Frage zu beantworten: WÜRDE ICH DANN HIER SITZEN UND IN DEN LAPTOP HACKEN?
Oder würde ich in Miami am Pool hängen, in jeder Hand einen Longdrink und Tom Selleck würde mir (natürlich mit seiner deutschen Synchronstimme, denn so weit ist es mit meinen Englischkenntnissen auch wieder nicht her) Max Goldt kapitelweise vorlesen?
quakexpress - 30. Okt, 15:03
